
Historische Schätze neu entdeckt
Lehrtafeln waren über rund ein Jahrhundert hinweg bis in die 1980er-Jahre zentrale Unterrichtsmedien an Schulen und Hochschulen. Heute, im Zeitalter digitaler Displays, interaktiver Tools und Bewegtbilder, sind sie weitgehend aus dem Lehralltag verschwunden. Ihr unmittelbarer didaktischer Wert ist zwar geringer geworden, doch gerade in dieser Transformation liegt eine Chance: Ihr historischer Charme und die Geschichten, die sie erzählen, eröffnen neue Perspektiven. Welche dieser Geschichten lassen sich entdecken? Wie können wir diesen Bestand erhalten, erforschen und vielleicht sogar neu nutzen?
Eine Auswahl an Lehrtafeln
Im Museum für Naturkunde Berlin lagerte ein großer, bislang kaum erschlossener Bestand solcher Lehrtafeln, ein kultureller Schatz, der auf seine Wiederentdeckung wartete. Die Frage lag nahe: Wäre es nicht spannend, all diese Tafeln endlich auszupacken, auszubreiten und zu erforschen? Denn auch heute können sie eine wichtige Rolle spielen: als Anschauungs- und Lehrmaterial in der universitären Ausbildung, als Quelle für wissenschafts- und bildungshistorische Forschung oder als Impulsgeber für kreative Prozesse, etwa im Bildungsbereich, in der Vermittlungsarbeit oder in der Kreativindustrie.
Mein Name ist Jutta Helbig und ich bin am Museum für Naturkunde unter anderem für den Kulturgutschutz zuständig und setze mich seit Langem dafür ein, die Tafeln systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und zu verstehen. Dringlich wurde das Vorhaben, weil die Sammlung im Zuge geplanter Baumaßnahmen des Zukunftsplans umgelagert werden muss und so überlegte ich intensiv, wie ein sinnvoller Einstieg aussehen könnte.
Dr. Oliver Zauzig und Dr. Jutta Helbig
Manche Ideen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern bei einem Kaffee zwischendurch. So auch diese. An einem kleinen Kaffeeausschank auf dem Campus Nord traf ich Oliver Zauzig, den Sammlungsbeauftragten der Humboldt-Universität. Die umfangreiche Lehrtafel-Sammlung der Zoologie der HU weckte meine Hoffnung auf neue Impulse für unseren eigenen Bestand. Ein von Oliver initiiertes digitales Treffen mit Kolleginnen und Kollegen aus Universität und Museum brachte die Idee weiter voran. Den entscheidenden Anstoß gab schließlich Prof. John Nyakatura: „Macht doch ein Seminar!“
Zurück am kleinen Kaffeeausschank auf dem Campus Nord war die Entscheidung schnell getroffen: Ja, wir machen ein Seminar!
Ich bin Oliver Zauzig, Sammlungsbeauftragter der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu meinen Aufgaben gehört es, universitäre Sammlungen sichtbar zu machen und in innovative Lehrformate zu überführen. Im überfachlichen Wahlpflichtbereich entwickeln wir dafür regelmäßig Veranstaltungen, die Studierenden einen fachübergreifenden Blick auf wissenschaftliche Praktiken eröffnen.
In diesem Kontext entstand das Seminar „Wissen in 2D“. Es richtete sich an Studierende aller Fachrichtungen und bot die Möglichkeit, historische Objekte im Sinne des forschenden Lernens zu untersuchen. Ziel war es, neue Perspektiven, Methoden und Zugänge im Umgang mit Sammlungsbeständen auszuprobieren.
Zentrum für Kulturtechnik, Humboldt-Universität
Im Wintersemester 2024/25 nahmen Studierende aus Biologie, Physik, Archäologie und Kulturwissenschaften an unserem Seminar teil. Nach einer theoretischen Einführung am Zentrum für Kulturtechnik arbeiteten sie in Blockterminen mit Originalmaterial aus der Lehrtafel-Sammlung des Museums. Die große Resonanz führte zu zusätzlichen Praxisterminen, in denen interdisziplinäre Teams ihre Projekte vertieften und Ideen für zukünftige Nutzungen entwickelten.
Frühere Versuche, Teile der Lehrtafelbestände zu erfassen, hatte es bereits gegeben, doch eine vollständige Übersicht blieb aus, schlicht, weil der Platz fehlte, um die Tafeln systematisch zu sichten. Erst die Freigabe eines Magazinraums machte es möglich, einen größeren Teil des Bestands an einem Ort zusammenzuführen. Auch wenn nicht alle Tafeln dort untergebracht werden konnten und manches ausgelagert bleiben musste, eröffnete der neue Raum erstmals eine realistische Chance, den Bestand zusammenhängend zu betrachten.
Seminarraum
Vor uns lag ein heterogener „Flickenteppich“ aus Formaten, Zuständen und Inhalten: gerollte, gestapelte, ineinander verkeilte Tafeln. Zwischen hellem Papier und dunkler Leinwand blitzten erste Schätze hervor: historische Drucke, handgezeichnete Illustrationen, feinste Farblithografien. Ein Gesamtbild war noch nicht zu erkennen, und so begann das Seminar mit einer Mischung aus Ungewissheit und Vorfreude. Niemand wusste genau, was uns erwarten würde, und gerade darin lag ein besonderer Reiz.
Nach einer Sicherheitsunterweisung konnte die praktische Arbeit beginnen. Bereits die ersten Tafeln aus dem späten 19. Jahrhundert ließen die Studierenden erkennen, welch wertvollen Objekten sie hier begegneten. Mit großem Respekt, aber ohne Scheu, wurden weitere Exemplare entrollt, aufgehängt oder auf dem Boden ausgebreitet. Schnell war klar, dass der erste Schritt eine grobe inhaltliche Sortierung sein sollte, nach Fachgebieten und Themenfeldern.
Sortieren der Tafeln
Eine Tafel wird betrachtet
Ordnen der aufgerollten Tafeln
Begutachtung einer Tafel
Zuschnitt der Bänder für Aufhängung
Anbringen der Bänder an Tafel
Aufrollen einer Tafel
Sortieren der Lehrtafeln
Wie werden historische Lehrtafeln wissenschaftlich erfasst? Welche Metadaten sind nötig, damit sie später recherchierbar sind? Und wie lässt sich der Arbeitsprozess strukturieren? Mit solchen Fragen setzten sich die Studierenden auseinander. Bewusst verzichtete das Seminar auf feste Vorgaben. Die Teilnehmenden entwickelten eigene Lösungen und nahmen so unmittelbar in die Perspektive professioneller Sammlungsarbeit ein.
Fotograf Eran Wolff erklärt die Fotostation
In den Gruppenarbeiten wurde Abläufe entworfen, getestet, verworfen und weiterentwickelt. Schritt für Schritt entstanden eigene Workflows, die hinsichtlich Effizienz und Praktikabilität verglichen und optimiert wurden. Lediglich der Umgang mit der Digitalisierungsstation wurde von einem Fotografen des Museums demonstriert. Alle weiteren Prozessschritte entwickelten die Studierenden selbst und legten sie gemeinsam mit der Seminarleitung verbindlich fest.
Als die Studierenden mit den entwickelten Arbeitsstationen in die Umsetzung gingen, entstanden zusätzliche Fragen, die in der Gruppe gelöst wurden. Es dauerte eine Weile, bis die Prozesse reibungslos ineinandergreifen konnten. Rasch bildeten sich Teams, die oft über das gesamte Seminar hinweg zusammenarbeiteten. Mit Engagement und großer Gewissenhaftigkeit wurde Tafel für Tafel erfasst, vermessen, beschrieben und digitalisiert.
Restaurierungsübung (nicht am Original)
Festhalten der Tafel, damit sie nicht aufrollt
Eine Tafel wird vermessen
Fotografieren mit Inventarnummer im Bild
Voller Einsatz: Festhalten der Tafel fürs Foto
Tafel auf Staffelei wird fotografiert
Eine Tafel zeigt den Braunkohlewald
Viele Tafeln waren verschmutzt, sodass zunächst Handschuhe und Masken verteilt und die Objekte mit einem speziellen Staubsauger gereinigt wurden, der keine Partikel an die Raumluft abgibt.
Durch die jahrelange Lagerung in unterschiedlichen Gebäudebereichen traten dabei sehr verschiedene Schadensbilder zutage: Einrisse, Löcher, Farbverluste durch alte Etiketten, Stockflecken, Wasserschäden oder sogar Schimmelbefall.
Stark verschimmelte Tafeln wurden aus Sicherheitsgründen gar nicht erst digitalisiert, sondern sofort wieder eingerollt und separat verpackt.
Prüfung stark beschädigter Tafel
Stark beschädigte Tafel mit Fliegen-Motiv
Einige Tafeln waren so stark beschädigt, dass eine Restaurierung weder wirtschaftlich noch realistisch wäre. Dennoch wurden auch diese Objekte erst einmal beiseitegelegt, da sie als mögliches Material für zukünftige Projekte dienen können. Warum nicht ein Kunst- oder Vermittlungsformat entwickeln, das sich gerade den beschädigten Originalen widmet? Auch museale Reste können einen Wert besitzen und einen eigenen ästhetischen Reiz entfalten.
Einige universitäre Sammlungen besitzen ebenfalls umfangreiche Lehrtafelbestände. In Halle befinden sich beispielsweise über 2.000 Stück. Daher luden wir Frank Steinheimer und seine Mitarbeiterin Arila Perl (Zoologische Sammlung Halle) ein sowie Michael Markert von der Universität Jena, der sich intensiv und mit großer Expertise Lehrtafeln als Forschungsgegenstand widmet. Mit dabei war auch Gerhard Scholtz, der sich von Beginn an engagiert in das Seminar einbrachte und über viele Jahre hinweg die Lehrtafelsammlung der Zoologie an der HU betreut hat.
Dr. Steinheimer erklärt Details zu dargestellter Natur auf Tafel
Gruppengespräch über Seminar und Leistungen
Dr. Steinheimer zeigt Details auf einem Tablet
Dr. Steinheimer, Arila Perl und Dr. Markert
Dr. Giere, Dr. Steinheimer, Arila Perl und Prof. Scholtz
Als die Digitalisierung gerade richtig Fahrt aufgenommen hatte, waren die offiziellen Blocksitzungen bereits beendet, doch die Studierenden wollten „ihre Sammlung“ weiter bearbeiten. Die Eigeninitiative war so groß, dass wir drei zusätzliche Blocktermine anboten, damit die begonnene Arbeit fortgeführt und vertieft werden konnte. Die zusätzliche Zeit nutzten die Teams mit spürbarer Begeisterung, um ihre Arbeitsabläufe weiter zu verfeinern und möglichst viel Material zu erfassen.
Besonders gefreut hat uns die Anfrage der Freundin eines Teilnehmers, die als FU-Studierende eigentlich nicht eingeschrieben war, ob sie an den Zusatzterminen teilnehmen dürfe. Ihre Teilnahme zeigte, wie positiv das Seminar wahrgenommen wurde und welche Strahlkraft es bereits über die eigene Universität hinaus entwickelte.
Nathalie Weisbach erfasst eine Lehrtafel
Im erweiterten Forschungsseminar konnten insgesamt 267 Lehrtafeln erfasst und digitalisiert werden. Was sich in einer einzelnen Tafel alles entdecken lässt und welche überraschenden Erkenntnisse daraus entstehen können, zeigen wir anhand der folgenden Beispiele.
In Lehrtafeln stecken viele spannende Informationen, die Anlass für die wissenschaftliche Erschließung eines Bestandes sein können, ebenso wie Inspirationsquelle für Forschungsvorhaben oder künstlerische Auseinandersetzungen.
Lehrtafeln eröffnen eine überraschend breite Palette an Forschungsperspektiven. Aus bildungs- und wissenschaftshistorischer Sicht erlauben sie Einblicke in den Wandel von Lehrmethoden, Curricula und Institutionen. Kunst- und bildwissenschaftlich sind sie durch ihre Stile, Materialien und Farbkonzepte interessant, von schematischer Reduktion bis hin zu künstlerischer Ausarbeitung. Darüber hinaus liefern sie Anknüpfungspunkte für Politik- und Zeitgeschichte, denn einige legen ideologische Deutungsmuster offen.
Unrealistische Darstellung eines Steinkohlewaldes
Aus wissenschaftssoziologischer Perspektive zeigen Lehrtafeln, wie Wissen visualisiert, legitimiert und tradiert wird. Bestimmte Darstellungsformen prägen, was als gültig oder „wahr“ gilt und wirken im kollektiven Gedächtnis fort. Lehrtafeln sind damit weit mehr als Unterrichtsmedien: Sie verbinden ästhetische, pädagogische, politische und gesellschaftliche Dimensionen und vermitteln ein facettenreiches Bild der wissenschaftlichen Kultur ihrer Entstehungszeit.
Sie können sogar einen Mordfall zum Vorschein bringen oder als Vorlage für neue Tattoos dienen. Aber seht selbst:
Die folgende Bildstrecke zeigt einen Querschnitt historischer Lehrtafeln, die von den Studierenden im Seminar erfasst wurden. Zu sehen sind unterschiedliche Inhalte, Urheberschaften, Verlage, Themen und Materialitäten. Ein Blick lohnt sich.
Das Seminar war ein Experiment und ein voller Erfolg. Niemand wusste zu Beginn, welche Bestände auftauchen würden oder in welchem Zustand sie waren. Doch die Studierenden begegneten den Originalen mit großem Respekt und hoher Eigeninitiative. Sie hatten keinerlei Berührungsängste im Umgang mit den Originalen und entwickelten rasch ein Gefühl der Verantwortung für die Sammlung. Ohne Vorkenntnisse und aus vier unterschiedlichen Fachbereichen kommend erarbeiteten sie im Team einen Feldkatalog und fotografierten 267 Tafeln von beiden Seiten, sie erstellten also 534 Digitalisate. Das war eine beeindruckende Leistung. Besonders hervorzuheben sind ihre Lösungskompetenz und Flexibilität im Umgang mit unerwarteten Situationen.
Lehrtafeln mit Etiketten und Inventarnummern
Ihr Engagement führte zu großer Aufmerksamkeit: Das Museum dokumentierte das Seminar auf Social Media, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anderer Universitäten kamen zu Besuch, und die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Zum Abschluss entwickelten die Studierenden Konzepte für die zukünftige Nutzung der Sammlung, kreativ, praxisnah und wissenschaftlich fundiert. Das Seminar leistete damit einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung eines Bestands, der ohne diese Initiative weiterhin ungesehen geblieben und langfristig gefährdet gewesen wäre, ermöglicht durch das außergewöhnliche Engagement und die Verantwortung der Studierenden.
… weitere Lehrtafeln im Herbar des Museums. Nachdem das Seminar abgeschlossen war und eine Fotostation abgebaut wurde, entstand Platz, um zusätzliche Tafeln zu überführen. In hölzernen Vorrichtungen standen unzählige aufgerollte, teils übergroße Exemplare, die lange unbeachtet geblieben waren.
Zusätzliche Lehrtafeln aus dem Herbar
Holzkisten mit weiteren Lehrtafeln
Mit tatkräftiger Unterstützung engagierter Kollegen gelang der Transport. Doch was verbarg sich in den großen hölzernen Kisten, die ebenfalls im Herbar standen und neben den übrigen Exemplaren übereinandergestapelt waren? Ich hatte mir immer vorgestellt, dass vielleicht ein längst vergessenes Dinosaurierskelett darin schlummert, doch es kam anders: Es waren noch mehr Tafeln.
Dreißig bis vierzig pro Kiste, vermutlich Unikate aus verschiedenen Instituten. Auch diese wurden ins Magazin gebracht. Nach erster Schätzung lagern dort nun etwa 1.500 Exemplare.
Es liegt also noch viel Arbeit vor uns – und noch sehr viel zu entdecken.
Seminarleitung: Dr. Jutta Helbig / Museum für Naturkunde Berlin, Dr. Oliver Zauzig / Humboldt-Universität zu Berlin
Studierende (alphabetisch): Luise Both, Nikolas Gkazonis, Bent Kosler, Julius May, Lindsay Mielke, Frederike Past, Laureen Rossoll, Sixten Stumm, Till Trabhart, Kaya Walek, Max Wanet, Nathalie Weisbach (FU Berlin, Teilnehmerin ab Januar 2025)
Gäste: Prof. Dr. Gerhard Scholtz / Humboldt-Universität zu Berlin, Dr. Michael Markert / Friedrich-Schiller-Universität Jena, Dr. Frank Steinheimer & Arila Perl / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Dank: Dr. Frederik Berger, Dr. Mareike Petersen, Dr. Peter Giere, Mandy Ullmann, Bernhard Schurian, Eran Wolff, Andreas Schnock, Edda Aßel, Jenny Pohl, Dirk Eckert, Roman Neumeier, Erik Lehmann und Marc Jerusel
Konzeption und Umsetzung der Mediastory: Text und Konzeption: Dr. Jutta Helbig Idee, technische Umsetzung und Realisierung in Pageflow: Tina Schneider Textbeitrag: Marc Jerusel Redaktion: Dr. Jutta Helbig, Dr. Oliver Zauzig, Tina Schneider Videobeiträge: Prof. Dr. Gerhard Scholtz, Dr. Frank Steinheimer, Frederike Past, Max Wanet, Nikolas Gkazonis und Julius May Fotografische Dokumentation: Eran Wolff, Dr. Jutta Helbig, Dr. Oliver Zauzig und Tina Schneider
Bildrechte und Hinweise: Digitalisate: Die Fotos wurden von den Studierenden im Rahmen des Seminars gemacht, die Bildrechte zu den digitalisierten Tafeln liegen beim Museum für Naturkunde. Hinweis: Die qualitative Aufbereitung einer in Kapitel "Was Lehrtafeln erzählen" verwendeten Fotografie wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz durchgeführt.